Offener Brief der Schulgemeinde der Gesamtschule Kierspe an den Rat der Stadt Kierspe, den Bürgermeister und die Verwaltung

 

Sehr geehrte Mitglieder des Rates der Stadt Kierspe,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Stelse,

sehr geehrte Mitarbeiter*innen der Verwaltung der Stadt Kierspe,

 

wir, die Schulgemeinschaft der Gesamtschule Kierspe, fordern Sie eindringlich auf, bei der Vergabe schulischer Räume dem besonderen Charakter des Pädagogischen Zentrums als zentralem Ort schulischer Demokratieerziehung und Schulkultur Rechnung zu tragen und parteipolitische Veranstaltungen dort grundsätzlich zu vermeiden.

Sollten Sie dieser Aufforderung aus rechtlichen Gründen nicht nachkommen können oder aus politischen Gründen nicht nachkommen wollen, fordern wir Sie auf, unsere Schule so früh wie möglich über eine solche Veranstaltung zu informieren.

 

Zum Hintergrund bzw. zur Begründung dieser Forderungen:

Durch eine Pressenachfrage am 08.06.2026 haben wir erfahren, dass am Sonntag, den 31.05.2026, im Pädagogischen Zentrum (PZ) unserer Schule eine Partei-/Delegiertenversammlung der AfD des Volmetals stattfand.

Dies hat uns erheblich verstört.

1. Das PZ ist kein neutraler Zweckbau, sondern ein pädagogischer Lebensraum

Wie schon die Presseanfrage zeigt, wird jede Veranstaltung im PZ unserer Schule in der Öffentlichkeit schnell mit unserer Schule in Verbindung gebracht, auch wenn es sich gar nicht um eine Veranstaltung der Schule handelt. Sie, die Insider, wissen, dass das PZ auch als Kultur- und Veranstaltungszentrum der Stadt Kierspe fungiert (was wir begrüßen), ganz unabhängig von der Schule. In der öffentlichen Wahrnehmung wird jedoch häufig nicht zwischen der Schule selbst und dem Veranstaltungsort unterschieden, sodass viele Bürger*innen im Volmetal nun die AfD-Veranstaltung uns als Schulveranstaltung zuschreiben werden. Ein falscher, aber fataler Eindruck.

Auch wenn die Stadt Kierspe, der KuK-Verein oder irgendjemand anderes in unserem Pädagogischen Zentrum eine Veranstaltung durchführen, bleibt der Ort das Pädagogische Zentrum einer Schule, unserer Schule – so wie eine Kirche, eine Moschee oder eine Synagoge auch dann ein Gotteshaus bleiben, wenn in ihr profane Veranstaltungen wie Konzerte, Vorträge oder Ausstellungen stattfinden. Das PZ ist der Ort unserer Theateraufführungen und Konzerte, unseres künstlerischen Unterrichts. Es ist der Ort unserer Einschulungs- und Abschlussfeiern, der Ort, an dem wir unsere Schüler*innen ehren, die Besonderes geleistet haben, der Ort unserer schulinternen Demokratie: Hier diskutieren unsere Schüler*innen in ihrem Schüler*innenparlament und mit ihren Lehrer*innen in Jahrgangsversammlungen, hier stellen sich unsere Schülersprecherteams den kritischen Fragen ihrer Mitschüler*innen, hier simulieren sie Bundestagsdebatten und nehmen an Wahlen teil. Das PZ ist der Tagungsort unserer Mitwirkungsgremien. Dieser Ort heißt nicht zufällig „Pädagogisches Zentrum“: Gesamtschulen verstehen sich nicht einfach als Schulen des Fachunterrichts, sondern auch als besondere soziale und kulturelle Lebensräume. Dieser Charakter oder Geist des Ortes bleibt auch bei nicht-schulischen Veranstaltungen erhalten. Das PZ ist gerade nicht eine neutrale Multifunktionshalle.

An Schulen gilt das Gebot parteipolitischer Neutralität. Während jede Schüler*in das Recht auf eine eigene Meinung hat und das Recht, zu sagen, was sie denkt, auch wenn es unbequem ist oder ihre Kritik besonders hart ausfällt, müssen wir Lehrer*innen uns in konkreten Fragen der alltäglichen Politik mit unserer eigenen Meinung strikt zurückhalten, uns politisch neutral verhalten. Zurecht hat politische Agitation jeder Art an Schulen nichts zu suchen. Sie sind daher – auch außerhalb der eigentlichen Unterrichtszeit – denkbar ungeeignet für parteipolitische Veranstaltungen.

 

2. Widerspruch zur Kultur unserer Schule

Die Gesamtschule Kierspe ist in den 57 Jahren ihres Bestehens weit über Kierspe hinaus so etwas wie eine Marke geworden: Sie steht für eine große Gemeinschaft, in der wir besonders menschlich und partnerschaftlich miteinander umgehen, zusammenhalten und solidarisch füreinander einstehen. Für pädagogische und didaktische Innovation, für einen Unterricht, der die Schüler*innen in ihrer Gesamtheit in den Blick rückt und in der die Bildung der Persönlichkeit großgeschrieben wird. Eine Schule, die die Gesellschaft und ihre Herausforderungen bewusst in die Schule hineinholt und sich ihnen stellt. Sie zeigt jeden Tag von Neuem, hundertfach, wie Integration und Inklusion im Alltag gelingen können und die Herausforderungen der Integration zugleich klar gesehen und gut gemeistert werden können. Alles, was wir tun, steht unter dem Fokus der Demokratie – die Gesamtschule Kierspe gilt bundesweit als Modellschule der Demokratieerziehung. Wir sind eine Schule der kulturellen und sozialen Vielfalt, der Diversität, der Toleranz, eine Schule, die sich dezidiert gegen jede Form des Rassismus und der Diskriminierung wendet. Wir verstehen es als großen kulturellen Schatz, wenn unsere Schüler*innen und Kolleg*innen mindestens zwei Dutzend verschiedene Herkunftssprachen sprechen. Wir sind eine Erasmus+-Schule, auf dem Weg zur Europaschule, die die Zukunft unseres Landes nicht im Nationalismus, sondern in einem starken und vereinten Europa sieht. Wann immer es nötig gewesen ist, hat diese Schule Flagge gezeigt. – Hierzu haben uns die meisten Kiersper Parteien immer wieder gratuliert, nicht nur an Jubiläen oder anlässlich von Preisverleihungen.

Und nun traf sich ohne unser Wissen im Pädagogischen Zentrum offiziell eine Partei, die sich in ihren Programmen offen und aggressiv gegen viele tragende Elemente unserer Schulkultur stellt und sich in ihrem Bundesprogramm ausdrücklich für die Abschaffung unserer Schulform („lehnt die AfD alle Arten von Einheits- und Gesamtschulen ab“) einsetzt. Es handelt sich nicht um eine beliebige Partei, sondern um eine Partei, die die Existenz der Schulform, in der wir arbeiten und lernen, bekämpft.

Rückblick: Erst durch den gemeinsamen Beschluss des damaligen Rates, eine Gesamtschule zu gründen, bekamen die Kiersper Kinder die Möglichkeit, in Kierspe Abitur zu machen, und erhielten die Kiersper diese großen Sportstätten.

Was wäre unsere Stadt Kierspe denn ohne ihre große Gesamtschule?

Antwort: Eine Stadt mit einer sicherlich viel kleineren Schule. Und was wäre das für eine Alternative? Was wären die Folgen? Gäbe es dann noch die Möglichkeit, in Kierspe das Abitur zu machen? Müssten Kinder sich einen neuen Schulort suchen? Würde der Schulweg zu Fuß ein Schulweg mit dem Bus werden? Hießen die neuen Schulorte dann Meinerzhagen, Halver, Marienheide und Lüdenscheid?

Würde das umfangreiche Sportgelände der Gesamtschule weiter so genutzt werden können? Hätte das Auswirkungen für die zahlreichen Sportvereine und das Vereinsleben generell? Welche Umwidmung des riesigen Gebäudekomplexes müsste vorgenommen werden und wer würde das bezahlen? Wollen wir unsere Gesamtschule schon jetzt symbolisch begraben, indem wir das PZ vermieten an einen Mieter, der die Gesamtschule als Schulform verneint und ablehnt? Wollen wir das?

Die von führenden Vertretern auch immer wieder ausgesprochenen Konnotationen des Begriffs der „Remigration“ lösen bei vielen unserer Schüler*innen und ihren Eltern Angst und Schrecken aus.

Das Pädagogische Zentrum unserer Schule ist der falsche Ort für ein offizielles Treffen dieser Partei. Wir fordern Sie auf, diese nicht nur symbolischen Versuche der parteipolitischen Enteignung unseres PZ in Zukunft strikt zu unterbinden. Unsere Empörung dürfte zum Kalkül der in weiten Teilen gesichert rechtsextremen Partei gehören, sich ausgerechnet unsere Schule für eine Parteiversammlung auszusuchen.

 

3. Verantwortung für die Verfassung und verwehrte Bürger*innenrechte

Die Festschrift unserer Schule anlässlich unseres 50-jährigen Jubiläums trägt in ihrem Titel nicht zufällig ein Zitat des in der Gründungszeit amtierenden Bundeskanzlers: „Die Schule der Nation ist die Schule“. Nicht nur die Gerichte, auch die Schulen gehören zu den Hütern unserer Verfassung. Sie haben die Aufgabe, vor dem Hintergrund unserer besonderen Geschichte nicht nur das nötige Wissen über unsere Verfassung zu vermitteln, sondern auch deren Prinzipien im Alltag einzuüben und für sie unmissverständlich einzustehen, wann immer dies nötig sein sollte. Auf dieser grundsätzlichen Ebene ist die Schule alles andere als ein politisch neutraler Ort. Wir sind aus Überzeugung eine Schule des demokratischen Rechtsstaates.

Daher wissen wir auch um den hohen Stellenwert der Grundrechte der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die selbstverständlich auch den Anhängern, Mitgliedern und Funktionären von Parteien zukommen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden und nicht verboten sind, also zurzeit auch der AfD. Aber es gibt kein Grundrecht, sich ausgerechnet im Zentrum einer Schule einzumieten, deren Grundprinzipien man weitgehend ablehnt und deren Zentrum man durch die Versammlung gewissermaßen zu kontaminieren versucht. Zudem: Dadurch, dass sich der Bürgermeister und die Stadtverwaltung entschieden haben, die Schule nicht über die Versammlung der AfD in ihren eigenen Räumen zu informieren, haben sie den Schüler*innen, Kolleg*innen und Eltern in ihrer Rolle als Staatsbürger*innen die Möglichkeit genommen, ggf. von ihren Grundrechten auf Meinungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit Gebrauch zu machen, ebenso wie Sie dies übrigens auch gegenüber der gesamten Zivilgesellschaft im Volmetal getan haben.

Falls Sie zukünftig eine parteipolitische Versammlung in den Räumen unserer Schule nicht verhindern können oder wollen, dann informieren Sie uns zumindest zeitnah, damit auch wir als Staatsbürger*innen auf unserem eigenen Schulgelände unsere Bürger*innenrechte auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit wahrnehmen können.

Zu Nachfragen und Diskussionen sind wir gerne bereit.

 

Mit freundlichen Grüßen

 Johannes Heintges, Schulleiter

 Jan Zensen, Lehrer*innenrat

Nikolas Brendebach, Lehrer*innenrat 

Natalie Swat, Schülersprecherin 

Jasper Reppel, Schülersprecher 

Nanja Lockemann, Vorsitzende der Schulpflegschaft 

Sina Berges, Stellvertretende Vorsitzende der Schulpflegschaft