Wie fühlt es sich an, wenn einem die Grundrechte genommen werden und ein totalitärer Staat alle Regungen überwacht? In ihrer neuesten Inszenierung nehmen die Theaterschaffenden der Gesamtschule Kierspe ihr Publikum mit in das fiktive Land „Sorglos“, dessen grellbunte Fassade nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass erzwungene Sorglosigkeit ein Albtraum ist. Eine Schülergruppe darf nach 25 Jahren zum ersten Mal in das Land „Sorglos“ reisen, um dort in Gastfamilien zu leben und die Schule zu besuchen. Im Jahr 2000 hat sich das Land von der Außenwelt abgeschottet, um eine bessere Gesellschaft zu formen, die nach den Regeln des Landes „Sorglos“ an einer erfolgreichen Zukunft bauen soll. Nach außen erscheint „Sorglos“ bunt und fröhlich – ein Land der Verheißung. Doch hinter der Fassade sieht das Leben der Bevölkerung trostlos aus und ist geprägt von Entbehrungen und der Angst vor einem repressivem Überwachungsstaat. Schwere Theaterkost, die von den Mädchen und Jungen des Theaterprojektes mit enormer Spielfreude und großem Engagement auf die Bühne gebracht wurde. Dabei stammen Drehbuch, Musik, Liedtexte und die Bühnenbildidee komplett aus eigener Produktion und wurden federführend von der ehemaligen Gesamtschullehrerin Andrea Heetmann-Thiel und Tobias Voswinkel (Drehbuch und Regie) erdacht. Unterstützung bekamen die beiden von Kati Wiegold (Liedkomposition, Klavier), Sara Miebach (Choreografie), Barbara Scheidtweiler (Sprachtraining), Nora Weber, Andrea Wermekes und Anne Jedig (Bühnenbild), Dilara Barcin und Andrea Vajnberger (Kostüme), Irina Simon (Regie), sowie Jasper Reppel und Philipp Kutzehr (Licht- und Tontechnik). Ein großes Team also, das in nur zwei Wochen das großartige Bühnenstück mit Musik, Tanz, Gesang, aufwendiger Kulisse und umfangreichen Sprechrollen realisiert hat. Ein wahrer Kraftakt, der allen Beteiligten alles abverlangt hat. Das Ergebnis beeindruckte große und kleine Zuschauer nachhaltig. Trotz des anspruchsvollen Themas kamen alle Zuschauer auf ihre Kosten. Das üppige Bühnenbild mit den knallbunten Farben, detailverliebte Kostüme und Requisiten und eine eingängige musikalische Gestaltung holten alle Zuschauer ab. Die Sprechrollen wurden durchweg professionell gemeistert. Kaum zu glauben, dass nur wenige Tage für das Lernen der Texte zur Verfügung standen. In den Hauptrollen überzeugten Joshua Asikaogu und Robin Schulte als Theo, Mila Matievsky und Paula Schröder als Frida, Nils Hoffstadt und Lara Muck als Vater, Maresa Freerksema und Milena Schmale als Mutter, Naya Schäfer und Paulina Schürfeld als Miss One, sowie Ranin Khalaf und Jouly Franzen als Püppi. Das diesjährige Musiktheater ist ein Lehrstück und in Zeiten des aufkeimenden Faschismus in der Welt ein mutiges Statement für die Verteidigung von Demokratie und Freiheit. Es zeigt auf, dass sich ein kritischer Blick hinter die Fassaden lohnt und das manches nicht so ist, wie es scheint. Das Land „Sorglos“ entpuppt sich nämlich als trostloser Ort der Sorge und Unterdrückung und die jugendliche Reisegruppe aus dem sauerländischen Kierspe deckt diese Farce mutig auf. Zugaben und Standing Ovations hat sich der Theaternachwuchs verdient, weil das gesamte Ensemble großartige Arbeit geleistet hat.
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