Es braucht immer die Mutigen, diejenigen die Nein sagen und bereit sind, sich einer übermächtigen Welle entgegenzustellen – sozusagen als Wellenbrecher, der es vermag eine scheinbar unaufhaltsame Flut zu stoppen oder umzulenken, damit kein allzu großer Schaden angerichtet wird.
Die Schüler*innen des Literaturkurses der Q1 der Gesamtschule Kierspe haben sich unter der Leitung von Kati Wiegold mit dem Roman „Die Welle“ des Autors Morton Rhue beschäftigt. Einer Lektüre, die einige von ihnen bereits im Deutschunterricht der Sekundarstufe I kennengelernt haben dürften, weil die Auseinandersetzung mit den Gefahren des Faschismus eine pädagogische Herzensangelegenheit an der Kiersper Gesamtschule ist.
Kati Wiegold wollte mit der Inszenierung des Theaterstücks „Die Welle“, die angelehnt an die Bühnenfassung von Axel Ziemke umgesetzt wurde, ein Thema aufgreifen, das auch heute noch von großer Bedeutung ist. Das Stück zeigt eindrucksvoll, wie schnell Gruppenzwang, Ausgrenzung und autoritäre Strukturen entstehen können – selbst in einer modernen und demokratischen Gesellschaft. „Mir ist es besonders wichtig, diese Entwicklung für das Publikum nachvollziehbar und emotional erlebbar zu machen“, erklärt die Pädagogin die Motivation zur Wahl des Stückes. Wert wurde darauf gelegt, die Veränderungen der Figuren und die zunehmende Dynamik innerhalb der Gruppe sichtbar zu machen. Diese Wesensveränderungen spielten die Darstellerinnen der Laurie, Michelle Kempa und Fiona Berg, eindrucksvoll und auch Ben Schürenberg als David, Greta Brüggendieck als Mister Ross und Lewi Tews als Robert füllten ihre Rollen hervorragend aus. Bis in die Nebenrollen lieferte das Ensemble eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Als Gäste traten auch Schülerinnen des achten Jahrgangs auf, die im Fach „Darstellen und Gestalten“ einen Cheerleadertanz choreographiert hatten und damit das Geschehen auf der Bühne auflockerten.
Immer wieder wurde das Publikum direkt in die Inszenierung einbezogen. Sei es durch ausgeteilte Welle-Plakate oder indem die Darsteller durch die Reihen des Publikums marschierten und skandierten. So entstand eine Energie zwischen Darsteller*innen und Publikum, der sich kaum jemand entziehen konnte. Zunächst überwog Sympathie mit den gespielten Rollen und eine gewisse Bewunderung für die auf der Bühne gezeigten Rituale wurde spürbar. Diese Wahrnehmung kippte jedoch spätestens in der Szene, als Greta Brüggendieck in ihrer Rolle als Mister Ross das Experiment beendete und deutlich gemacht wurde, das faschistische Ideen Besitz von den Schüler*innen im Stück ergriffen hatten. Viele Zuschauer*innen verließen das Theaterstück entsprechend nachdenklich.
Das Stück hat gezeigt, wie schnell individuelle Meinungen verloren gehen, wenn der Gruppendruck zu stark wird. „Mein Ziel ist es, nicht nur zu unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anzuregen. Ich möchte, dass sich die Zuschauer*innen fragen, wie sie selbst in einer solchen Situation reagieren würden und welche Bedeutung Verantwortung, Mut und Zivilcourage im eigenen Leben haben“, machte Kati Wiegold deutlich. Diese Zuschauer*innen waren Schüler*innen der Jahrgänge 5 bis 12, die in zwei Aufführungen des Literaturkurses zum Nachdenken angeregt wurden.
Die Aufführung eines Stücks zum Thema Faschismus auf der Bühne des Pädagogischen Zentrums entbehrte dabei nicht einer bitteren Ironie, wurde doch das „Wohnzimmer“ der Gesamtschule Ende Mai von ungebetenen Gästen genutzt, die Ausgrenzung zu ihrem Markenkern gemacht haben. Umso wichtiger, als Schulgemeinschaft die Werte von Demokratie und Vielfalt zu verteidigen, politische Bildung zu vermitteln und Toleranz zu leben. Der Literaturkurs hatte sich also unfreiwillig mit der Wahl des Stückes zu einem Wellenbrecher gemacht, der dem Anspruch einer Bildungseinrichtung im Herzen von Kierspe gerecht wurde. Dafür gebührt dem Ensemble und allen Helfer*innen, auch hinter den Kulissen, großer Respekt.