Ein monströses Verbrechen, das die Kinder und Enkel des Täters nicht loslässt und mehr Fragen als Antworten aufwirft. Wer war dieser Mann, der als Ingenieur ein Mittäter in der Tötungsmaschinerie der Nazis wurde und über 25 000 jüdische Menschen ermordete? Eine Frage, die den Vater des Autors Peter Hemicker wie ein Mühlstein belastete und Lorenz Hemicker auf eine jahrelange Spurensuche bis hin zum Ort des Menschheitsverbrechens bei Riga in Lettland führte. Dort war sein Großvater maßgeblich für das Ausheben und Einrichten von Massengräbern verantwortlich und beaufsichtigte tagelange Massenerschießungen von jüdischen Menschen, die aus dem kilometerweit entfernten Ghetto bei Riga ihren Todesmarsch in die Gruben von Rumbula hinter sich hatten. Ernst Hemicker war Mitglied der SS und strammer Nationalsozialist, aber auch Vater und Opa. Wie das zusammengeht oder eben nicht, dieser Frage spürte Lorenz Hemicker im Pädagogischen Zentrum gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der zehnten bis 13. Jahrgangsstufe nach.

Der Autor ist in Kierspe aufgewachsen und als Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig. Sein Großvater lebte vor und nach dem zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod in Kierspe und wurde nie für seine Taten verurteilt. „Mein Großvater war ein Jedermann!“, erläuterte Lorenz Hemicker die Tatsache, dass es im nationalsozialistischen Deutschland allerorten Männer wie seinen Großvater gab, die zu Tätern wurden.

In seiner Lesung spricht Lorenz Hemicker die zahlreichen Schüler*innen immer wieder direkt an und nimmt die Zuhörenden mit auf seine Spurensuche, indem er sowohl die innerfamiliären Herausforderungen, als auch die geschichtlichen Abläufe dokumentiert. Bei der Schilderung der Massenerschießungen in einem Waldstück im lettischen Rumbula wird es still im PZ. Zu grausam klingen die Abläufe des planmäßigen Massenmordes an jüdischen Kindern, Frauen und alten Menschen, die sich in keinem Moment hätten aus der Maschinerie befreien können.

Die Motivation an den Ort des Verbrechens seines Großvaters zu reisen, mit Überlebenden zu sprechen und tausende Seiten Archivmaterial zu sichten, entsprang dem Bedürfnis den Schatten des Großvaters zu lüften und, anders als sein Vater, ins Handeln zu kommen. Bei der Recherche wird schnell klar, dass es viele Ernst Hemickers gibt, die auf verschiedene Art und Weise in der Nazidiktatur Schuld auf sich geladen haben und häufig nicht zur Verantwortung gezogen wurden.

Lorenz Hemicker verweist bei der Autorenlesung auch auf die vielen Leerstellen in der Kiersper Stadtgeschichte, die ein Hinweis darauf sind, dass es noch zahlreiche Geschichten von Tätern wie Opfern gibt, die erzählt werden müssten. „Das gilt übrigens nicht nur für Kierspe, sondern für viele deutsche Städte und Gemeinden“, erklärt Hemicker und fordert dazu auf, genauer hinzuschauen und sich für die Thematik zu interessieren.

Die Fragen aus dem Publikum zeigen eindeutig, dass der Autor einen Nerv getroffen hat und das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt hat. Mit seinen Autorenlesungen leistet Lorenz Hemicker einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und macht den Holocaust greifbar und weniger abstrakt. Der Schulleiter Johannes Heintges dankte für dieses Engagement und appellierte an die Schülerinnen und Schüler, etwas aus der Veranstaltung mitzunehmen. „Vielleicht sind ja einige von euch motiviert, ebenfalls auf Spurensuche zu gehen“, sagte Johannes Heintges, bevor er dem Autor herzlich für eine beeindruckende Veranstaltung dankte.